augustin und frank architekten - Georg Augustin

augustin und frank architekten - Georg Augustin

Foto: Saskia Hubert / 2 Stühle: b.ton

Erfahrungen mit Sichtbeton- und Sichtbetonfassaden

Vorgestellt werden zwei Häuser mit einschaligen Sichtbetonfassaden aus Normalbeton C30/37.Das Atelier von Katharina Grosse in der Lehrter Str. und ein kleines Haus in Bad Saarow am Scharmützelsee. Beide Häuser haben eine Innendämmung und tragende Außenwände aus Sichtbeton. Ich zeige die Art und Weise, wie beide Häuser konstruiert und gebaut wurden.

          

Das Atelier von Katharina Grosse in der Lehrter Str.

Zum Bau und zum architektonischen Konzept

Das Grundstück Lehrter Straße Ecke Kruppstraße 17-18 in Berlin Mitte ist Teil des Geländes einer ehemaligen Militärschneiderei. Auf dem Grund-stück selbst befand sich das Dienstwohngebäude des Direktors. Von die-sem Gebäude, das im Krieg zerstört wurde, ist entlang der Lehrter- und der Kruppstraße das Sockelmauerwerk der Außenwände bis zur Höhe des Sockelgesimses, ca. zwei Meter hoch, erhalten. Diese Restfassade steht unter Schutz und blieb als Einfriedung des Grundstücks zu den bei-den Straßen bestehen. Entlang der Kruppstraße steht das Atelier in der Bauflucht und stülpt sich über den alten Gebäudesockel. Gegründet ist es auf der vorhandenen Tiefengründung des Vorgängerbaus, die als Mau-erwerkskonstruktion bis zu neun Meter hinabreicht. Nach einem Vorprojekt als Umbau und Erweiterung, an anderer Stelle, waren das Raumprogramm und die funktionalen Anforderungen gut be-kannt und bereits erprobt. Mit dem Neubau in der Lehrter Strasse konnte eine „Ateliermaschine“ entwickelt werden, die allen Anforderungen in idealer Weise gerecht wird. Das Raumprogramm besteht aus zwei Ar-beitsräumen mit Oberlicht, einem Lager und Archiv, Büro- und Wohnräu-men und einigen Nebenräumen. Es ist mit einem geringen Anteil an Er-schließungsflächen in einem kompakten Kubus von 12,5 x 25 x 12,5 Me-ter untergebracht. Differenzierungen im Licht, den Ausblicken und Bezie-hungen zum Außenraum charakterisieren die einzelnen Raumbereiche so, dass Raumgrenzen im herkömmlichen Sinne ersetzt werden durch Klang und Stimmung der Räume.
Die Entscheidungen zur Konstruktion und Außenhaut des Gebäudes wurden bestimmt durch die Nachbarschaft der preußischen Klinkerbauten mit  ihren einfachen Details und Naturstein Intarsien und durch die  An-forderungen an die Oberflächen der Arbeitsräume. Diese sind mit Tro-ckenbauschalen aus Gipskarton als Arbeitsflächen ausgekleidet. Ent-standen ist ein Stahlbetonbau mit Innendämmung und einer äußeren Schalung aus sägerauen Brettern als Sichtfläche. Die Außenwände wur-den fugenlos in 6 Abschnitten, unter Verwendung gleicher Schalelemen-te, betoniert. Bei den Fenstern sind die Funktionen Belichtung und Belüf-tung überwiegend getrennt und jeweils eigenständigen Konstruktionen zugeordnet. Das Gebäude hat eine Fußbodenheizung und fugenlose Bo-denbeschichtungen aus Polyurethan. Als besondere technische Einrich-tungen sind ein Kettenzug und ein hydraulisch angetriebenes Bodentor für den Transport zwischen Lager und Arbeitsraum eingebaut.

Das Gebäude ist eine reine Stahlbetonkonstruktion mit einer Holorib-Dachdecke, die auf Stahlträgern aufgelagert ist. Für die Aussenwände wurden konventionelle Rahmenschalungen verwendet und auf deren äu-ßere Schalhaut sägeraue Bretter unterschiedlicher Breite in einem vorge-gebenen Rhythmus genagelt. Dabei wurden Schalungselement benutzt, deren Oberflächen bereits verbraucht waren und nach unserem Scha-lungseinsatz erneuert wurden. Die Bretter der rauen Schalung verlaufen horizontal und sind in Längen von  ca. 4 m bündig besäumt. Betonierab-schnitte (Arbeitsfugen) liegen sowohl in den horizontalen als auch in den vertikalen Brettstößen. Sie werden dadurch Bestandteil der Schalungs-struktur und treten nicht mehr hervor. Ergebnis ist eine fugenlose, monoli-thische Außenschale. Überlagert wird diese gleichmäßige Schalungs-struktur von leichten Farbunterschieden im Beton. Es wurden in einer un-regelmäßigen Folge, sechs Betonierabschnitte unter Verwendung der gleichen Schalelemente ausgeführt. Die Schalungsbretter wurden vor dem ersten Einsatz geschlämmt, um ihre Saugfähigkeit zu verringern. Sie wurden bei jedem Einsatz dichter und durch Faserabrisse auch rauer. Dadurch entstehen unterschiedlich raue Oberflächen mit unterschiedli-cher Lichtreflexion.
Das Raumprogramm ist so organisiert, dass außer am Eingang und bei den beiden Treppen keine Erschließungsflächen entstehen. Räume er-schließen sich gegenseitig und bilden so untereinander Distanz- und Übergangszonen. Sie prallen aber auch unvermittelt aufeinander. Ihre Ei-genart und Bedeutung und damit ihre Position im Raumgefüge des Ge-bäudes werden individuell bestimmt über ihre räumlichen und visuellen Verknüpfungen mit den umgebenden Außenräumen. Entwurfstaktisch entstehen ihre Volumen als  Ausnehmungen in der geometrisch sehr ein-fachen Gebäudemasse. Dies bewirkt eine präzise Kantenführung der Raum begrenzenden Flächen zu den Öffnungen und durch die Öffnungen hindurch. Komplexität entsteht durch die Überlagerung horizontaler und vertikaler  Raumfiguren und aus der Konfrontation dieser einfachen Ope-rationen mit den Bewegungen im Gebäude. Sie entsteht auch durch das Einsetzen von Elementen, wie der Stahltreppe und den Nasszellen, in das subtraktive Raumsystem. Anders als beim Bau in der Lücke oder der Formulierung eines Blockran-des, ist in der Lehrter Straße eine für die Berliner Innenstadt sehr unge-wöhnliche Intervention entstanden. Stadtraum bietet sich hier in besonde-rer Weise als ein System realer und imaginärer Raumbeziehungen dar. Das ehemalige Kasernengelände entspricht in seiner räumlichen und or-ganisatorischen Ausformung nicht dem gewohnten Verhältnis von öffent-lichem Straßenraum und privater Parzelle. Die Kaserne als Stadt in der Stadt hatte dieses Verhältnis in einer spezifischen Interpretation umge-kehrt. An Stelle einer baulichen Verdichtung hat sie an der Schnittstelle zur Stadt ihre Peripherie aufgebaut. Hier wechselt das Atelier in seiner Wahrnehmung zwischen einer, der Peripherie entlehnten, typologischen Unbestimmtheit und einer Verschiebung bekannter Größenverhältnisse. Haus, Grundstück und Straßenraum sind zu einem komplexen Gefüge verwoben, ähnlich wie die Räume im Inneren des Ateliergebäudes. Sie verhalten sich zur Geschichte des Ortes wie einzelne Raumbereiche zum Programm und zu den funktionalen Abläufen im Gebäude.


 

Wohnhaus Saarow Strand

Das Haus liegt im Südosten Berlins, 70 Kilometer vom Berliner Zentrum ent-fernt, direkt am Scharmützelsee. Es ist ein Wochenendhaus mit der Perspek-tive zu längeren, ausgedehnten Aufenthalten.
Das Grundstück gehört zum Ortsteil Saarow Strand der Gemeinde Bad Saarow. Es liegt im Bereich eines Bebauungsplanes, an der Grenze zum Außenbereich und Wald. Das Grundstück ist im Mittel 24 m breit und hat eine Länge von 130 m. Unmittelbar am Seeufer befindet sich ein kleines Bestandsgebäude. Dahinter teilt ein öffentlicher Uferweg das Grundstück in eine See- und eine Landseite. Der größte Höhenunterschied zum Wasser-spiegel beträgt 9 m. Hier steht das neue Wohnhaus quer zum Verlauf des Grundstücks mit Blick auf den See.
Das Haus, einschließlich des Daches, besteht aus einer tragenden, äußeren Schale aus Stahlbeton, die auf ihren Außenseiten durch in die Schalung eingelegte Leisten profiliert ist. Die Übergänge zwischen vertikalen und ge-neigten Flächen erfolgen kontinuierlich, ohne Absätze und Überstände. Rin-nen sind in die Dachflächen integriert. Die Fensteröffnungen sind Bestandtei-le der Gebäudestruktur und sind in ihrer Lage aus den Sichtbeziehungen und der Disposition des Hauses auf dem Grundstück entwickelt. Neben die-sen Besonderheiten überführt insbesondere die Schrägstellung des Firstes im Grundriss den Umriss des üblichen Satteldachhauses in eine komplexe Figur.  Die entstehenden HP-Flächen und die an der Firstlinie orientierten Ausbau-richtungen fügen dem Obergeschoss Bewegungen und Richtungsänderungen hinzu, die Raumbeziehungen unterschiedlich erfahren und interpretieren las-sen. Das Haus ist Innen gedämmt. Im Obergeschoss sind Wände und De-cken vollständig mit Sperrholzplatten verkleidet und geben diesem Bereich des Hauses eine intime wohnliche Atmosphäre. Das Erdgeschoss ist frei von tragenden Wänden. Es ist ein auf beiden Längsseiten verglaster, großer Raum durch den der Außenraum förmlich hindurchfließt. Hier dominieren Sichtbetonoberflächen und erzeugen einen Raum, der je nach Jahreszeit, sehr unterschiedlichen Nutzungen gerecht wird. Als Fensterkonstruktionen wurden im Obergeschoß Schiebefenster aus Holz eingesetzt. Im Erdgeschoß ist die Verglasung eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz. Sie wurde in Teilbereichen auf den Innenseiten mit Schiebeelementen aufgedoppelt. Vor diesen Bereichen sind Rollläden montiert, die in die entstandenen Leibungen einfahren. Ihre Lamellen bestehen aus Lochblech und sie dienen dazu, die großen Öffnungen im Erdgeschoß zu schließen und eine Ventilation und Nachtauskühlung im Sommer zu ermöglichen.




Detaillierte Information zum Beton:

Dach: Beton C30/37 XC4, XF1, WU-Beton Außenwand: Beton C30/37 XC4, XF1

Zement: Hochofenzement CEM III/B 32,5 N-LH (normale Anfangsfestigkeit, geringe Hydrationswärme

-WU-Dachkonstruktion nach WU-Richtlinie (Ausgabe November 2003 + Be-richtigung März 2006)
-geneigte Dachflächen (26° langer Schenkel bzw. 37° kurzer Schenkel) und Profilierung der Außenseite mit einer Bretterschalung aus gehobelten Leisten -auf den Gebäudelängsseiten Ausbildung eines vertieft liegenden Entwässe-rungsprofils im Beton als Entwässerungsrinne mit jeweils 2 Dacheinläufen
-Anschlüsse bei Dachfenster-Aufkantung mit eingelegtem Fugenblech
-Einbauteile sind Edelstahl-Rohrhülsen und SML-Rohre mit angeschweißtem Dichtflansch

-Bauteilanschlüsse von Betonbauteilen (Arbeitsfuge) mit aufgerauhter Fuge
-Betonüberdeckung bei Außenseiten mindestens 4cm
-Ankerlöcher im Dach beidseitig mit eingeklebtem Faserzementkonus ge-schlossen
-Sichtbetonklass SB3 nach Merkblatt Sichtbeton (Deutscher Beton- und Bau-technik-Verein e.V.)

-im Bauzustand temporär hergestellte Fundamente für die Schalung und lastabtragende Abstützungen
-Beim Betonieren der Decke im EG wurde in der Schalung der Unterzüge und der Decke eine Überhöhung von h?4cm eingehalten
-thermische Trennung zwischen Deckenplatte und Außenwand beziehungs-weise Kragplatte mit Isokorb (tragendes Wärmedämmelement)

Kontakt:

Georg Augustin  
augustin@augustinundfrank.de 
01701888209


1951 in Schaffhausen, Saarland geboren; 1972 - 79 Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe und an der Technischen Universität Berlin. 1979 - 86 Mitarbeit in Berliner Architekturbüros. 1986 - 90 Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Berlin, Assistent am Fachgebiet Baukonstruktion und Entwerfen. 1990 - 91 Lehrauftrag an der TU Berlin. 1997 und 98 Gastprofessor an der TU Berlin, Fachgebiet Entwerfen, Baukonstruktion und Baupraxis. Seit 1986 Architekturbüro  Augustin und Frank in Berlin, www.augustinundfrank.de. Seit 2003 Professor und Leiter des Fachgebietes Architektonisches Entwerfen an der Universität Kassel.

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